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Von der Hauptschule zum Studium

„Niemand hatte gedacht, dass ich überhaupt die Hauptschule schaffen würde. Jetzt habe ich das Abitur (…), studiere den 4. schwersten Studiengang in Deutschland und habe ein SRH Stipendium.“ – Rebecca

„Du schaffst das nicht“, „das ist doch viel zu schwer“, „das dauert doch zu lange“, „echt, du?“. Vielleicht kamen dir diese Worte bekannt vor, als du von ihnen gelesen hast. Manchmal scheinen die Träume weit entfernt zu sein. Wer abseits des Gymnasiums davon träumt später zu studieren muss oft mit viel Gegenwind rechnen. Der Weg sei zu hart und zu lang oder man selbst sei nicht intelligent genug, meinen Menschen um einen herum. So lange, bis man es vielleicht auch selbst schon glaubt. Doch davon ließ sich Rebecca nicht einschüchtern. Sie ging den Weg mit Legasthenie von der Hauptschule bis zum Psychologiestudium und plant ihren Traum von Medizin zu verwirklichen. Ich habe sie für euch interviewt:

Hallo liebe Rebecca, wie alt bist du?

„Ich bin 22 Jahre alt.“

Was und wo studierst du?

„Ich studiere Angewandte Psychologie (die Meisten kennen es nur unter Psychologie) an der SRH Heidelberg und habe ein SRH Vollstipendium für begabte Studierende in besonderen Lebenslagen. Jedoch soll dies nur ein Zwischenschritt sein, bis ich Medizin studieren darf. „

Welche Schulen hast du besucht?

„Meine Empfehlung der Grundschule reichte leider nur für eine Hauptschule, also kam ich erstmals in eine Hauptschule. Leider wurde ich hier massiv gemobbt, wodurch ich in der 8. Klasse auf eine andere Hauptschule gewechselt habe. Nach diesem Abschluss ging ich auf eine zweijährige Berufsfachschule mit Profil „Gesundheit und Pflege“. Anschließend besuchte ich ein Sozial- und Gesundheitswissenschaftliches Gymnasium im Bereich Gesundheit. Meine Schulzeit ging dann ca. 14 Jahre, da ich keine Klasse wiederholen musste.“

Wusstest du schon immer, dass du weiterführende Schulen besuchen möchtest oder kam der Gedanke erst kurz vor deinem Abschluss auf?

„Ich wusste im Kindergarten bereits, was ich werden möchte und dass ich dafür studieren muss. Mit der Tatsache auf die Hauptschule gehen zu müssen, war das Studium wirklich sehr unrealistisch. In der ersten Hauptschule dachte man, dass ich nicht mal diesen Abschluss schaffen würde. Nach dem Schulwechsel auf die andere Hauptschule, war ich so genervt von den ständigen Hasskommentare wie z.B. ‚Wie blöd kann ein Mensch eigentlich sein‘ oder ‚Du ist nicht gut genug, ich hab was besseres als beste Freundin verdient‘, dass ich mir geschworen habe, denen zu zeigen, wer hier eigentlich dumm ist. Ich habe zwar immer an meinem Traumstudium festgehalten, aber ab da gab es für mich keine andere Möglichkeit, als mein Abitur zu machen und mein Wunschstudium zu studieren. Das war ungefähr in der 8. Klasse in der Hauptschule.“

Wusstest du auch schon immer was du studieren möchtest?

„Ja, mein Traumberuf als vier Jährige war Ärztin zu sein, das ich es auch immer noch. Ich studiere zwar momentan Psychologie, aber dies soll nur ein weiterer Zwischenschritt auf meinem Weg zum Medizinstudium sein. Sollte ich weiterhin keinen Platz im Medizinstudium erhalten, dann werde ich meinen Master in Psychologie, vermutlich Neuropsychologie machen.“

Gab es Gegenwind, als du von deinen Plänen erzählt hast?

„In der Hauptschule haben mich alle angeschaut, als wäre ich komplett bescheuert, als ich meinte, dass ich Medizin studieren möchte. Von Psychologie war nie wirklich die Rede. Meistens begegnete man mir mit Missgunst. In der Hauptschule wurde ich von meinen Mitschülern teilweise massiv gemobbt und gegen Ende hin, haben auch manche Lehrer mitgezogen. Es gab von der Hauptschule generell nur ein Lehrer, der mir Mut machte und mich unterstütze, alle anderen haben eher gegen mich gearbeitet und versucht mich bewusst zu sabotieren. Daraufhin habe ich dann die Schule gewechselt. Auch in der Berufsfachschule gab es Lehrer, die meinten, dass ich, ich zitiere ‚viel zu dumm fürs Abi‘, bin. Hinzukommen meine chronischen Erkrankungen, die mich teilweise doch sehr einschränken. Auch in dieser Hinsicht gibt es nur wenige Menschen, die mich bei meinen beruflichen Zielen unterstützten. Die einzige Person, die immer hinter mir stand und mich bestmöglich unterstützt ist meine Mutter und dafür bin ich ihr sehr dankbar.“

Wie hast du diesen Gegenwind überwunden? 

„Ich sage mir, dass ich am besten weiß, wie ich mit was klar komme und wozu ich fähig bin. Ich sage mir, dass ich niemanden benötige, der an mich glaubt, solange meine Mutter und ich selbst an mich glaube. Keiner kann mir meinen Weg und die damit verbundene Arbeit abnehmen. Alleine ich kann mich dahin bringen, wo ich sein möchte. Ich habe inzwischen gemerkt, dass oftmals aus negativgestellten Personen der Neid sprich. Zu Beginn habe ich angefangen die gesagten Worten ernst zu nehmen. Ich begann mich selbst als dumme Person, die sowieso nichts kann, zu betrachten. Durch meine Legasthenie konnte ich zu dieser Zeit auch tatsächlich sehr wenig, weshalb ich auch auf die Hauptschule kam. Nachdem wir in der 6. Klasse die Legasthenie diagnostiziert haben, wurde mir klar, dass ich gar nicht dumm bin, sondern einfach nur anders und mehr lernen muss, als meine Mitschüler. Ich habe mir also Strategien ausgedacht, mit denen ich meine Defizite kompensieren konnte und habe den ganzen Tag damit gelernt. Ab da begann ich den Gegenwind nicht mehr als negativ aufzufassen, sondern habe daraus meine Motivation aufgebaut. Ich dachte mir sowas wie „euch werde ich zeigen, wer hier der Dumme ist“. Je mehr Gegenwind man mir stellt, desto willensstärker und disziplinierter werde ich. Ich sehe diese Menschen also nicht als ‚Saboteure‘, sondern als meine speziellen Unterstützer an.“

Was würdest du anderen raten, die infolge eines solchen Gegenwinds nicht mehr an sich glauben und zögern ihren Traum zu verwirklichen?

„Nur du kannst wissen, zu was du alles in der Lage bist. Man ist stärker, als man denkt. Vertraue auf deinen Instinkt sowie auf dein Können. Gegenwind resultiert oftmals aus Neid und eigener Unzufriedenheit. Nur weil andere den Weg als unmöglich oder extrem ansehen, heißt es nicht, dass der Weg tatsächlich auch unmöglich ist. Viele Wege führen zum Ziel. Lasse dich nicht kleinreden, denn genau das möchten die Personen erzielen. Je mehr Gegenwind du deinen „Saboteuren“ entgegenbringst, desto mehr werden die sich ärgern und umso mehr vertrauen in dich selbst wirst du aufbauen. Du alleine musst diesen Weg bestreiten und nur Du musst an dich glauben, um diesen Weg schaffen zu können. Außerdem ist die eigene Freude groß, wenn man es den anderen so richtig zeigen kann. 😉 Und denk immer dran, Hochmut kommt vor dem Fall. Während deine „Saboteure“ jetzt gegen dich sind und du dich unterdrückt oder untergestellt fühlst, werden sich irgendwann die Positionen tauschen. Irgendwann hast du deinen Weg geschafft und deine „Saboteure“ tappen immer noch auf derselben Stelle, weil sie den Mut nie aufbringen konnten, ihre Ziele zu verfolgen.“

Hattest du ein bestimmtes Vorbild, was dich zu diesen Schritten bewegt hat?

„Hm, eigentlich gab es da nie so DAS Vorbild. Meine Eltern haben beide nicht studiert und meine Großeltern hatten jetzt auch keinen super außergewöhnlichen Beruf. Meine Cousine ist einige Jahre älter als ich, wohnt allerdings weiter entfernt und ist inzwischen Chirurgin. Irgendwann, als ich älter wurde, habe ich mitbekommen, dass sie Medizin studiert. Da habe ich dann angefangen, sie als Art Vorbild zu sehen und zu verstehen, dass man das Studium auch mit einem ’schlechteren‘ Abi, sprich kein 1,1 Schnitt, schaffen kann. Ansonsten ist meine Mutter in jeglicher Hinsicht mein absolutes Vorbild.“

Gab es Momente in denen du stark an dir gezweifelt hast? Wie hast du diese Zweifel überwunden? 

„Die Grund- und Hauptschulzeit war der reinste Horror für mich. Ich habe Schule und Lernen gehasst, weil ich einfach zu blöd für alles war. Ich habe den ganzen Tag für die Hausaufgaben gebraucht und besser wurde ich dennoch nicht. Die Lehrer meinten, dass ich eben dumm bin und unterstützten mich auf keiner Weise. Damals zweifelte ich an mir und ob ein Mensch tatsächlich so dämlich sein kann. Nachdem ich das mit der Legasthenie erfahren habe, baute ich nach und nach immer mehr Selbstvertrauen auf. Ich wusste, dass ich nicht dumm, sondern einfach etwas Besonderes bin. Ich lernte, dass wenn ich etwas stark genug möchte und bereit bin, dafür alles zu geben, dann werde ich auch einen Weg finden, um es zu schaffen. Dennoch gibt es immer wieder Rückschläge und diese wird es auch weiterhin geben, aber man darf den Mut nie verlieren. Schließt sich eine Türe, öffnet sich eine andere. Insbesondere, wenn ich wieder heftige Migräneattacken habe und in der Notaufnahme lande, denke ich mir manchmal, wieso ich mir das alles eigentlich antue und ob ich wirklich stark genug bin. Ich glaube solche Zweifel sind aber ganz legitim und vertretbar. Jeder zweifelt irgendwann in irgendeiner Form an seinen Stärken, Schwächen, Träumen und Handlungen. Aber man muss sich in solchen Momenten bewusst werden, wo man her kommt, wohin man möchte und wieso man dorthin möchte. Außerdem sollte man sich vor Augen führen, was man bereits alles geschafft hat.“

Gab es Menschen, die dich besonders unterstütz haben bei deinem Werdegang?

„Meine Mutter war immer an meiner Seite und auf sie werde ich mich auch immer verlassen können, dafür werde ich ihr immer sehr dankbar sein! Eine weitere Person ist mein alter Lehrer aus der Berufsfachschule und dem Gymnasium. Der Lehrer unterrichtete mich insgesamt 5 Jahre lang in beiden Schularten im Fach Gesundheit bzw. Pflege und Sozialpfege. Er sowie eine weitere Lehrerin war, der einzige, der immer an mich glaubte und sagte, dass ich alles schaffen werde, da ich sehr diszipliniert, zielstrebig und engagiert bin. Seit meinem Abi, das war vor knapp 3 Jahren, sind wir jetzt nun Privat befreundet und er unterstützt mich weiterhin sehr, sowohl im Privaten, als auch im Beruflichen. Er hat mir z.B. auch ein Empfehlungsschreiben für mein Stipendium geschrieben und mir Lesematerial für mein FSJ auf der Palliativstation gegeben.“

Würdest du dich wieder ganz genauso entscheiden?

„Allgemein betrachtet ja, ich würde lediglich früher von der einen auf die andere Hauptschule wechseln. Ansonsten würde ich den Weg immer wieder bestreiten. Für mein Abitur würde ich definitiv mehr lernen, aber das wird wohl jeder behaupten… :D“ 

Worauf bist du besonders stolz? 

„Ich bin auf meinen gesamten schulischen Werdegang stolz. Niemand hatte gedacht, dass ich überhaupt die Hauptschule schaffen würde. Jetzt habe ich das Abitur in Baden-Württemberg, also einem schwierigen Bundesland vom Niveau her betrachtet, gemacht, studiere den 4. schwersten Studiengang in Deutschland und habe ein SRH Stipendium. Zusätzlich habe ich zu meinem Abitur den Preis für soziales Engagement 2017 gewonnen. 
Zusätzlich zu meinem schulischen Werdegang bin ich Sterbe- und Trauerbegleiterin, sprich ehrenamtliche Hospizhelferin. Es gibt nicht viele, die solch einer Tätigkeit mit 22 Jahren nachgehen. Von meinem Traum Medizin zu studieren bin ich zwar noch etwas entfernt, aber auch hier nähere ich mich weiterhin an. Wer weiß, vielleicht darf ich zu diesem Wintersemester bereits zu Medizin wechseln. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Was möchtest du meinen Lesern zum Abschluss noch mitgeben?

„Egal wie hoffnungslos und verzwickt eine Situation aussieht, gebt niemals auf! Glaubt an euch und die Macht eurer Träume. Nur ihr wisst, zu was ihr in der Lage seid. Hoffnung und der Glaube an die eigene Person kann Berge versetzten. Es ist schön, wenn viele hinter euch stehen, aber im Grunde benötigt ihr nur euch selbst, um eure Träume zu verwirklichen! Ich glaube an jeden einzelnen von euch, fangt auch ihr an, an euch selbst zu glauben, denn ihr seid es wert!“

Danke Rebecca für das tolle Interview. Ich bin sicher, dass du andere inspirieren kannst, ihren Weg zu gehen und immer an sich zu glauben, egal wie groß die Herausforderung auch aussehen mag.

die Meinungsstreiterin ❤

Du findest Rebecca auch auf Instagram

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